Kol 1,15-18 - hat Jesus alles erschaffen?


Einleitung

Eine weitere Schriftstelle, die oft als „Beweis" zitiert wird, daß Jesus Gott ist, findet sich in Kolosser (Kol 1.15-18). Laut trinitarischer Theologie wird dort angeblich Jesus als Gott und Schöpfer beschrieben. Wie bei anderen Stellen bereits gesehen, so ist es auch hier aber keineswegs so, daß der Text dies tatsächlich aussagt, noch muß er unbedingt oder zwingend so verstanden werden. Ein solch trinitarisches Verständnis ergibt sich nur dann, wenn einige Ausdrücke entsprechend ausgelegt werden.

Man muß bestimmen, ob eine Auslegung auf Voreingenommenheit bzgl. einer außer biblischen Position beruht, oder ob die Auslegung auf der Basis der Gesamtheit der Schrift gegründet ist und dementsprechend mit dem Rest der Bibel in Einklang steht. Sollten sich scheinbare Widersprüche zu anderen Schriftstellen ergeben, so ist abzuwägen, ob etwa die vorliegende übersetzung oder die gewählte Auslegung fehlerhaft sind.

Kolosser 1,15-18

Der nachfolgende Abschnitt aus Kol 1 ist Gegenstand unserer Studie, und zunächst will ich den Text der Lutherbibel hier anführen.

Kol 1,15-18
Er ist das Ebenbild des unsichtbaren Gottes, der Erstgeborene vor aller Schöpfung.
Denn in ihm ist alles geschaffen, was im Himmel und auf Erden ist, das Sichtbare und das Unsichtbare, es seien Throne oder Herrschaften oder Mächte oder Gewalten; es ist alles durch ihn und zu ihm geschaffen.
Und er ist vor allem, und es besteht alles in ihm.
Und er ist das Haupt des Leibes, nämlich der Gemeinde. Er ist der Anfang, der Erstgeborene von den Toten, damit er in allem der Erste sei.

Diese Aussagen hier werden von Vertretern der Trinitätslehre dazu benutzt, zu „beweisen", daß Jesus bereits vor aller Zeit im Anfang Gott war und der Schöpfer aller Dinge ist. Der Ausdruck „Ebenbild des unsichtbaren Gottes" wird dabei auf einen präexistenten Zustand Jesu als „Gott" bezogen, und es wird behauptet, daß Jesus in dieser Präexistenz als „Ebenbild Gottes" bezeichnet wird, was aber tatsächlich ihn als „Gott" darstellt. Weiterhin wird behauptet, Jesus als Gott sei der Schöpfer, da ja „in ihm alles geschaffen ist". Ein nüchterner Blick auf diese Verse und ein genaues Lesen, ohne etwas in die Aussagen hineinzulesen, läßt solche Behauptungen bereits als eher unmöglich und unwahr erscheinen.

Nehmen wir den Ausdruck „Ebenbild Gottes" und die Behauptung, dies sei gleichbedeutend mit „Gott" -- wie kann das Ebenbild einer Person oder Sache diese Person oder Sache sein? Wenn das „Ebenbild" von Gott gleich „Gott" bedeutet, was bedeutet dann „Gott"? Oder umgekehrt, wenn „Gott" als „Ebenbild Gottes" bezeichnet wird, was bezeichnet dann eigentlich „Ebenbild Gottes"? Diese Theorie besagt ja eigentlich, daß das Bild oder Ebenbild identisch mit dem Original ist, und wirft damit jegliche Logik und sprachliche Definitionen von Begriffen über den Haufen, wodurch dann eine verständliche Kommunikation nicht mehr möglich ist.

Wie steht es mit der Behauptung, Jesus als Gott sei „der Schöpfer aller Dinge"? Auch hier weist ein nüchterner Blick auf den hier gebrauchten Ausdruck bereits darauf hin, daß Jesus keineswegs direkt als „Schöpfergott" bezeichnet wird. Die vorliegende übersetzung ließe rein sprachlich unter Umständen eine solche Deutung zu, indem das „ihm" auf Jesus bezogen wird, und das „durch ihn … geschaffen" so verstanden wird, als sei er der Schöpfer. Allerdings ergeben sich dann scheinbare Widersprüche zu anderen Aussagen in der Bibel, wo von der Schöpfung die Rede ist und immer nur „Gott" als der Schöpfer erwähnt wird, nie aber auf „Jesus" oder auf „Gottes Sohn".

Ich meine, es gibt vielleicht zwei Möglichkeiten, wie diese Verse korrekt verstanden werden können, ohne daß sich unlogische Zusammenhänge und Widersprüche zu anderen Schriftstellen ergeben. Bevor ich die zwei Möglichkeiten jeweils als „ganzes" darlege, will ich aber zunächst noch einige Einzelheiten zu einigen der hier verwendeten Begriffe angeben.

Ebenbild des unsichtbaren Gottes

Der erste Begriff, den wir genauer untersuchen sollten ist „Ebenbild des unsichtbaren Gottes". Der Ausdruck selbst zeigt bereits auf, daß hier zwei voneinander getrennte Dinge einbegriffen sind: (1) das Ebenbild, und (2) der unsichtbare Gott. Gott ist nicht das Ebenbild, das Ebenbild ist nicht Gott.

Das griechische Wort für „Ebenbild" hier ist das Wort eikwn, und es bezeichnet zwei grundlegende Ideen oder Vorstellungen, Repräsentation und Manifestation. Ein Bild oder Ebenbild dient der Repräsentation, bestimmte Dinge des „Originals" kommen in dem Bild oder durch das Bild für den Betrachter zum Ausdruck. Das Wort eikwn hat die Bedeutungen „Bild, Abbild, Bildnis, Standbild, Statue, Porträt, auch Bild im Geiste, Vorstellung" (vgl. Langenscheidt Großwörterbuch Altgriechisch-Deutsch von Menge-Güthling). Niemals ist das Bild oder Abbild identisch mit dem, wovon es das Bildnis ist.

Jesus wird noch an anderen Stellen als Ebenbild oder Bild Gottes bezeichnet, etwa in 2. Korinther 4.

2Ko 4,4
den Ungläubigen, denen der Gott dieser Welt den Sinn verblendet hat, daß sie nicht sehen das helle Licht des Evangeliums von der Herrlichkeit Christi, welcher ist das Ebenbild Gottes.

Auch hier wird das Wort eikwn benutzt. Christus ist das Abbild, das Ebenbild Gottes. Er ist die perfekte Repräsentation Gottes, der absolut vollkommene Ausdruck Gottes.

In Kolosser 1 kommt lediglich hinzu, daß Gott als „unsichtbar" definiert wird. Dies sollte auch schon alle Argumente bzgl. des Gottes Jesus sofort verstummen lassen, denn Jesus war keineswegs „unsichtbar", ihn konnte man sehen. Gott aber ist unsichtbar! Daraus folgt: Jesus kann nicht Gott sein

Jesus war das vollkommene Portrait Gottes, in seinen Worten und seinen Werken zeigte sich Gott, denn er tat allezeit, was Gott, seinem Vater, wohlgefiel und was Gott ihm auftrug. In Jesu Lebenswandel wurden die Eigenschaften von Gottes Wesen erkennbar und wahrnehmbar, er verkörperte Gottes Liebe, Barmherzigkeit, Güte, Gnade, Wahrheit, usw. Der unsichtbare Gott wurde in Christi Worten und Werken sozusagen sichtbar.

Joh 14,9
Jesus spricht zu ihm: So lange bin ich bei euch, und du kennst mich nicht, Philippus? Wer mich sieht, der sieht den Vater! Wie sprichst du dann: Zeige uns den Vater?

Jesus war offensichtlich klar, daß Gott unsichtbar ist. Daher kann er nicht gemeint haben, daß er selbst Gott (der Vater) war. Auch wollte Jesus sicherlich hier nicht Philippus sagen, daß dieser im buchstäblichen Sinne nun Gott vor sich stehen sah. Gott ist unsichtbar, denn Gott ist Geist (vgl. Jesu Worte in Joh 4,24)

Das „Ebenbild des unsichtbaren Gottes" hat keinerlei Bezug auf eine Präexistenz Jesu, sondern bezieht sich auf das Leben und das Wirken Jesu. Jesus „zeigte" den Menschen Gott in seinen Worten und seinen Werken, und in diesem Sinne war er wahrlich das Ebenbild, das Abbild, das Porträt, das Bildnis des unsichtbaren Gottes. Gottes Wesen und Gottes Herrlichkeit kam in Jesu Wirken zur Entfaltung, weshalb Jesus auch in ähnlicher Form an anderer Stelle als „Abglanz von Gottes Herrlichkeit und Ebenbild von Gottes Wesen bezeichnet wird (vgl. Heb 1,3)

An keiner dieser Stellen wird Jesus als Gott bezeichnet, noch als Gott dargestellt. Er ist vielmehr nur das Ebenbild, das Abbild, das Bildnis Gottes.

Der Erstgeborene …

Ein weiterer bedeutsamer Begriff in diesem Abschnitt in Kol 1,15-18 ist „der Erstgeborene“, der gleich zweimal benutzt wird: „der Erstgeborene vor aller Schöpfung" (Vers 15) und „der Erstgeborene von den Toten" (Vers 18).

Der Begriff des „Erstgeborenen" ist in beiden Stellen ganz offensichtlich nicht wörtlich zu verstehen, sondern eher als Teil einer Redefigur. Es geht nicht um die buchstäbliche Geburt Jesu, obgleich (und das sollte man auch nicht vergessen) Jesus natürlich auch in diesem Sinne nicht nur Gottes Eingeborener sondern auch Gottes Erstgeborener war. Der Begriff „Erstgeborene" steht aber für mehr als rein zeitlich gesehen der erste Sohn zu sein; das Wort „Erstgeborene“ beinhaltet besondere Privilegien und eine Vorrangstellung, eine überlegenheit gegenüber anderen.

Wenn Paulus also hier von „Erstgeborene vor aller Schöpfung“ spricht, so wird damit Jesu Vorrang vor aller Kreatur angesprochen. Anhänger der Trinitätslehre verstehen diese Aussage meist so, als sei Jesus in irgendeiner uns unbekannten und ansonsten biblisch nicht erwähnten Form bereits vor dem Zeitpunkt der Schöpfung „geboren“ worden. Solch ein Verständnis widerspricht der Bedeutung des Wortes „Erstgeborene“, wie es ansonsten in der Schrift benutzt wird. Israel wird z.B. in 2Mo 4,22 als „Gottes erstgeborener Sohn“ bezeichnet, allerdings nicht, weil Israel etwa an erster Stelle in der Geburtsreihenfolge stand oder sonstwie zuerst kam in Hinsicht auf Zeit, Ort, Einfluß oder Macht. Israel war „Gottes erstgeborener Sohn“, weil sie in Gottes Plan eine Vorrangstellung einnahmen.

So verhält es sich auch mit Jesus Christus, dem eingeborenen Sohn Gottes – allerdings in einem noch wesentlich größeren Maße. Jesus ist Gottes Erstgeborener „vor aller Schöpfung“, weil er der absolute Mittelpunkt von Gottes Erlösungsplan, von Gottes Absicht und Vorsehung ist.

Jesus ist auch der „Erstgeborene von den Toten“, womit ebenfalls seine Vorrangstellung in Hinsicht auf die Auferstehung von den Toten ist. Es gab Auferstehungen von Toten bereits vor Jesu Auferstehung, und es folgten auch noch weitere Auferstehungen von Toten danach, aber alle diese haben nicht den Rang von Jesu Auferstehung von den Toten. Jesus wurde auferweckt von den Toten und zum „Geist, der lebendig macht“ (vgl. 1Ko 15,45). Jesus war tot und ist nun „lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit“ und hat „die Schlüssel des Todes und der Hölle“. Als der Erstgeborene von den Toten wurde Jesus gekrönt, verherrlicht und über alle erhoben, „damit er in allem der Erste sei“.

In ihm ist alles geschaffen

Außer dem Problem der Gleichsetzung von „Ebenbild Gottes“ mit „Gott“ wird aus diesem Abschnitt noch hergeleitet, daß Jesus der Schöpfergott ist. Dies geschieht aufgrund der Aussagen in den Versen 16-17, wie „in ihm ist alles geschaffen …“, dann „es ist alles durch ihn und zu ihm geschaffen“ und auch noch „er ist vor allem, und es besteht alles in ihm.“ Eine solche Vorstellung von Jesus als Schöpfer widerspräche jedoch den Schriftstellen, die über die Schöpfung berichten und in denen Gott, Jesu Vater, als der Schöpfer benannt wird und keinerlei Indiz dafür spricht, daß er noch irgend jemandes „Hilfe“ dabei benötigt hätte.

Hier sind meiner Meinung nach nun zwei plausible Auslegungen möglich, die beide korrekt sein könnten und deren Verständnis diese Stelle mit dem Rest der Schrift in Einklang stehen läßt, wohingegen andere Auslegungen Widersprüche erzeugen.

Gott als der Schöpfer

Grundlegender Ansatz zu einem rechten Verständnis ist das Beachten dessen, was die Bibel ansonsten zum Schöpfer und dem Schöpfungsakt aussagt. Wer wird als Schöpfer bezeichnet? Wer wirkte damals und brachte alles zustande? Der erste Vers der Bibel, der uns von der Schöpfung des Himmels und der Erde berichtet, läßt keinen Zweifel daran, wer der Schöpfer war.

1Mo 1,1
Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde.

Gott wird als der Schöpfer von Himmel und Erde benannt. Niemand sonst wird als möglicher „Mitschöpfer“ erwähnt. Die Schöpfungstat wird allein Gott zugeschrieben. Manche werden nun sagen wollen: „Klar, Gott ist der Schöpfer … aber wer ist Gott hier?“ Und dann antworten sie sehr schnell: „Jesus!“ und verweisen unter anderem auf Kol 1, wo ja gesagt würde, Jesus habe alles geschaffen. Das allerdings wird in Kol 1,15-18 nicht gesagt!

1Mo 1,1 und andere Stellen verdeutlichen, daß Gott der Schöpfer ist. Kolosser berichtet, daß Jesus das „Ebenbild“ dieses Schöpfers, das „Bildnis“ Gottes, ist.

Ein weiterer wichtiger Punkt zu einer rechten Auslegung ist der, daß man beachtet, was in diesen Versen in Kol 1 gesagt wird und ob es andere Stellen gibt, in denen ähnliche Aussagen gemacht werden, die helfen können, näher zu bestimmen, von wem jeweils die Rede ist.

Vers 15 spricht von „dem Ebenbild Gottes“, und das ist offensichtlich nicht Gott selbst (er ist nicht sein eigenes Ebenbild – das wäre völlig absurd!). Der „Erstgeborene“ kann auch nicht Gott sein, denn Gott kann doch gar nicht geboren werden, er ist ja gar kein Mensch, sondern Geist, und hat schon von Ewigkeit her gelebt. Der Erstgeborene ist aber der Mensch Jesus Christus. In den nächsten zwei Versen ist von der Schöpfung die Rede, und wenn wir hier von „ihm“ als dem aktiv tätigen Schöpfer ausgehen, beziehen sich diese Aussagen gemäß anderer Schriftstellen auf Gott selbst und nicht auf Jesus Christus. In Vers 18 stoßen wir dann auf „Haupt des Leibes, der Gemeinde“, und dies ist wiederum eine Wahrheit, die auf Jesus Christus zutrifft, der auch an anderen Stellen als das Haupt der Gemeinde bezeichnet wird (vgl. z.B. Eph 1,22; 5,23; Kol 1,18). Weiterhin lesen wir den Begriff „Erstgeborene von den Toten“, der ebenfalls wieder eindeutig auf Jesus Christus hinweist, da Gott nicht sterben kann und von daher auch nicht „Erstgeborene von den Toten“ sein kann.

Wenn wir diese Punkte beachten, so er gibt sich, daß die Verse 16-17 grammatisch betrachtet eine Art Einschub sind, in dem einige Einzelheiten über den „unsichtbaren Gott“ näher ausgeführt werden. Sprachlich gesehen, ergibt sich ein Wechsel des Substantivs auf welches sich jeweils das Pronomen „er, ihn, ihm“ bezieht, und in den Versen 16-17 liegt dann eine Parenthese (Einschub) vor. Man könnte diese im Text etwa durch Klammern wie folgt kenntlich machen:

Er [Jesus] ist das Ebenbild des unsichtbaren Gottes, der Erstgeborene vor aller Schöpfung.
(Denn in ihm [dem unsichtbaren Gott] ist alles geschaffen, was im Himmel und auf Erden ist, das Sichtbare und das Unsichtbare, es seien Throne oder Herrschaften oder Mächte oder Gewalten; es ist alles durch ihn [Gott] und zu ihm [Gott] geschaffen.
Und er [Gott] ist vor allem, und es besteht alles in ihm [Gott].)
Und er [Jesus] ist das Haupt des Leibes, nämlich der Gemeinde. Er [Jesus] ist der Anfang, der Erstgeborene von den Toten, damit er [Jesus]in allem der Erste sei.

Wichtig hierbei ist, wie man den Ausdruck „in ihm" versteht. Zunächst ist eindeutig klar, daß der Abschnitt als Ganzes von Jesus Christus handelt, und er - Jesus Christus - wird als das Ebenbild des unsichtbaren Gottes dargestellt, als der Erstgeborene von den Toten, als das Haupt der Gemeinde und insgesamt seine hohe Stellung, „damit er in allem der Erste sei“. Die Verse bzgl. dessen was geschaffen wurde und wer und was alles geschaffen wurde und besteht, die könnten sich auf Gott selbst als den Schöpfer aller Dinge beziehen. Vers 16-17 könnten also ein erläuternder Einschub sein, in dem der unsichtbare Gott und seine Beziehung zur Schöpfung aufgegriffen wird und weitere Einzelheiten hierzu mitgeteilt werden.

In Christus ist alles geschaffen

Es gäbe aber auch noch eine andere Möglichkeit der Deutung, die vielleicht sogar noch einleuchtender und klarer ist, und die davon ausgeht, daß der Textfluß in Vers 16-17 nicht in Gestalt einer Parenthese unterbrochen wird, sondern sich vielmehr fortsetzt, und auch die darin gemachten Angaben sich weiter auf Jesus beziehen. Dabei muß jedoch weiterhin beachtet werden, wie man diese Angaben korrekt versteht, so daß Jesus auch in diesem Falle nicht irrtümlich zum Schöpfer gemacht wird.

Im griechischen Text steht hier die Präposition en – „in“, „vom“, usw. Wenn es hier heißt, daß „in ihm [Jesus]“ alles geschaffen wurde, so könnte das unter Umständen anzeigen, daß Jesus der Schöpfer war, aber das ist nicht zwingend die einzig mögliche Bedeutung oder Auslegung. Jesus muß nicht unbedingt der aktiv Handelnde bei der Schöpfung gewesen sein.

Wenn Jesus aktiv als der Schöpfer hier gehandelt haben soll, dann ergeben einige andere Angaben im direkten Zusammenhang keinerlei rechten Sinn. Dann wäre nämlich nicht mehr Gott der Schöpfer, sondern sein Ebenbild. Auch hätte Jesus bereits „Throne oder Herrschaften oder Mächte oder Gewalten“ geschaffen, bevor er selbst überhaupt existierte. Außerdem werden diese auch nicht in dem Bericht über die ursprüngliche Schöpfung in 1. Mose erwähnt.

Es ist vielmehr so, daß diese Dinge, wie etwa Throne oder Herrschaften, usw. im Laufe der Geschichte hinzukamen in der Entfaltung von Gottes Erlösungsplan, dessen absoluter Mittelpunkt Jesus Christus war. „In ihm [Jesus]“ wurde alles geschaffen, d.h. mit ihm im Blickpunkt, mit ihm als Fokus und zentraler Figur. Auf ihn zielte eigentlich alles hin. Dies ergibt wesentlich mehr Sinn als ein präexistenter Jesus als Schöpfer, der alles für sich selbst schuf. Jesus war nicht der Schöpfer, sondern vielmehr war er der Mittelpunkt des Plans Gottes, für den Gott alle Dinge schuf und machte, und den Gott sich vor Grundlegung der Welt bereits ausersehen hatte.

In diesem Sinne ist in der Tat alles von Gott durch Christus und zu Christus hin geschaffen und alles besteht in ihm. Gott hat alles geschaffen zur Verwirklichung des Erlösungsplans, den er in Christus gefaßt hatte und schließlich verwirklichte. Jesus, der Christus, ist vor allem und er steht über allem, was in diesem Abschnitt dann auch durch den Gebrauch des Begriffs "Erstgeborener" zum Ausdruck kommt.

Es geht also hier nicht um eine reale Präexistenz Jesu als Schöpfergott, sondern um die Präexistenz Jesu als "Wort [logos]" in Gottes Vorsehung und Gottes Plan. Es geht um Gottes Absichten und Gottes Plan bzgl. unserer Erlösung, die er in Jesus Christus faßte und dann in ihm verwirklichte. Es geht nicht darum, daß Jesus etwas für sich selbst verwirklicht hätte.

Mit diesem Verständnis, würde dann dieser gesamte Abschnitt wie folgt zu verstehen sein:

Er [Jesus] ist das Ebenbild des unsichtbaren Gottes, der Erstgeborene vor aller Schöpfung.
Denn in ihm [Jesus … im Blick auf das, was in ihm von Gott ausersehen war und verwirklicht wurde] ist alles geschaffen, was im Himmel und auf Erden ist, das Sichtbare und das Unsichtbare, es seien Throne oder Herrschaften oder Mächte oder Gewalten; es ist alles durch ihn [Jesus] und zu ihm [Jesus] geschaffen.
Und er [Jesus] ist vor allem, und es besteht alles in ihm [Jesus].
Und er [Jesus] ist das Haupt des Leibes, nämlich der Gemeinde. Er [Jesus] ist der Anfang, der Erstgeborene von den Toten, damit er [Jesus] in allem der Erste sei.

Zusammenfassung

Wie man auch hier wieder sieht, gibt die Schrift selbst Aufschluß bzgl. ihrer Deutung und Auslegung, um eine scheinbar widersprüchliche Aussage recht verstehen zu können. Die oft gehörte Auslegung im Sinne der Trinitätslehre ist mit mehreren Schwierigkeiten und Unstimmigkeiten verbunden, da bestimmte Aussagen dann irrsinnig und unschlüssig werden, sie hält einer genaueren Betrachtung des Textes nicht stand.

Wenn man jedoch die Aussagen in diesen Versen für sich stehen läßt und sie dann im Lichte anderer Schriftstellen betrachtet, die vom gleichen Thema handeln und weitere Wahrheiten dazu vermitteln, dann ergeben sich hier mehrere Möglichkeiten, wie diese Stelle verstanden werden kann, ohne daß sich Widersprüche ergeben.

Auch in diesem Abschnitt erfahren wir von Gottes wunderbarem und über die Maßen großartigen Plan, den er bereits vor Grundlegung der Welt gefaßt hatte und den er dann in Christus ausführte und verwirklichte. Jesus ist der von Gott ausersehene Messias, der Christus, und er hat diesen Plan Gottes, seines Vaters, gehorsam ausgeführt und wurde schließlich von Gott erhöht und als der Erstgeborene von den Toten und der Erstgeborene vor aller Schöpfung mit der Herrlichkeit bedacht, die Gott ihm in seinem Plan schon von Anfang an zugedacht hatte.

Welch einen großen wunderbaren Gott wir haben, und welch einen wunderbaren Herrn und Heiland Jesus Christus!

Letzte Änderung:
2013-07-03 12:09
Verfasser:
Wolfgang Schneider

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