Joh 1: λόγος [logos] - er oder es?


Fast alle christlichen Kirchen lehren die Trinitätslehre eines Gottes mit 3 Personen, die alle gleichermaßen Gott sind (Gott, der Vater - Gott, der Sohn - Gott, der Heilige Geist). Als Beweistext dafür, dass Jesus Gott sei, muss zumeist Joh 1,1ff herhalten.

Joh 1,1-2.14 (Lu 84)
Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort.
Dasselbe war im Anfang bei Gott.
...
Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.

Die Aussage in Vers 14 weist eindeutig auf Jesus, den eingeborenen Sohn Gottes hin.  Nun wird behauptet, Jesus = Wort. Dann wird quasi rückwirkend behauptet, Wort = lebende Person, und zu Vers 1 zurückgehend wird dann gleichgesetzt Wort = Gott und gelehrt, Jesus = Gott.  Ist das aber, was der Text überhaupt sagt?

Die wichtige Aussage ist: "Und das Wort WARD Fleisch ..."  Wie aber kann "Wort" zu "Fleisch" werden? Es ist klar, dass mit "Fleisch" hier mittels einer Redefigur für "Mensch aus Fleisch und Blut" gemeint ist, nicht nur im buchstäblichen Sinne "ein Stück Fleisch". Heißt das aber nun, dass "Wort" bereits eine lebendige Person war, weil "Fleisch" ja ein lebendiges menschliches Wesen bezeichnet?

Eine Aussage in 1. Petrus 1,20 enthält weitere wichtige Informationen:

1Petr 1,20
Er ist zwar zuvor ausersehen, ehe der Welt Grund gelegt wurde, aber offenbart am Ende der Zeiten um euretwillen,

 Auch diese Aussage handelt von Jesus, und erläutert etwas über seine Existenz "ehe der Welt Grund gelegt wurde".  Zu jener Zeit - vgl. "am Anfang" in Joh 1 (!) - existierte Jesus nicht als eine lebende Person in irgendeiner Form oder Gestalt, sondern er existierte in Gottes Vorsehung, in Gottes Plan, in Gottes Vorauswissen. Wie nun existiert etwas in einem Plan, in einer Vorsehung?  Die Antwort ist leicht: In einem Plan existieren Gedanken, diese werden in "Wort" gefaßt und ausgedrückt. Die Realität, die dann später offenbart wird, ist das, wovon das "Wort" handelte. Die Realität existiert erst dann, wenn der Plan, das Wort, "umgesetzt" bzw. "offenbart" wird.

Zwei Illustrationen dafür, wie "Wort" zu etwas anderem wird:

(1) Meine Frau und ich haben uns einige Zeit vor unserer Hochzeit über unsere Ehe unterhalten und dabei auch das Thema "Kinder" besprochen und geplant. Vom Zeitpunkt dieser Gespräche an existierten unsere Kinder als "Wort" in unseren Plänen, unseren Vorhaben, unseren Gedanken, unseren Gesprächen.  Als dann ca. 1 1/2 Jahre nach unserer Hochzeit unser Sohn geboren wurde, war dieses "Wort" dann "Fleisch geworden" ... was zuvor als "Wort" existierte, war nun als Realität in Gestalt eines menschlichen Lebewesens aus "Fleisch" offenbart worden.

(2) Ein Bauherr beauftragt einen Architekten mit der Planung eines Hauses.  Zunächst existiert dann das Haus als "Wort" (Gedanken, Konzept, Ideen) im Sinn des Architekten bzw. als Zeichnung und Beschreibung auf dem Bauplan. Wenn dann die Handwerker anfangen, den Plan in die Realität umzusetzen, wird "Wort" dann zu "Stein".  

In keinem Falle war das "Wort" bereits zuvor die lebende Person meines Kindes noch das bereits fertige und bewohnbare Haus; vielmehr war "Wort" genau das, nämlich "Wort" (Gedanke, Plan, Konzept, Idee).   Erst mit der Umsetzung bzw. Offenbarung der Realität, von der das Wort jeweils handelte, existierte dann mein Sohn bzw. das Haus im realen Sinne.

Wenn wir also Joh 1 genau lesen und beachten, was dort tatsächlich gesagt ist, dann können wir eigentlich leicht verstehen, dass (a) "Wort" schlicht und einfach "Wort" bedeutet, (b) dieses Wort in diesem Kontext von dem zuvor ausersehenen Messias handelt, und (c) dieser Messias erst zum Zeitpunkt, als "Wort" dann "Fleisch ward", als reales lebendiges Lebewesen, nämlich als ein Mensch, existierte.

Das "Wort" in Joh 1 ist also kein "er", sondern ein "es" bzw. "dasselbe". Die Lutherbibel übrigens übersetzt genau so, wohingegen einige andere Bibelübersetzungen (z.B. viele englische Bibeln) fälschlich mit "er" bzw. "ihn" übersetzen.

Letzte Änderung:
2012-03-24 10:13
Verfasser:
Wolfgang Schneider

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