Wann wurde die Offenbarung geschrieben?


Vorbemerkungen

Allgemein werden 2 Daten für die Niederschrift des Buchs der Offenbarung genannt: (a) ein frühes Datum - noch zu Lebzeiten des römischen Kaisers Nero, um die Mitte der 60iger Jahre AD; und (b) ein spätes Datum - um 95/96 AD zu Zeiten des Kaisers Domitian. Die Frage nach dem Datum der Offenbarung und der Niederschrift des Buchs ist von Bedeutung, um zu einem rechten Verständnis dessen zu gelangen, was uns in der Offenbarung berichtet wird. Man muss beachten, wann Aussagen gemacht wurden, denn erst dann kann man die zeitlichen Zusammenhänge von erwähnten Ereignissen korrekt einordnen und richtig verstehen. Bemerkenswert ist in diesem Falle, dass die Vertreter beider Standpunkte manchmal den jeweils anderen vorwerfen, ihre ganze Auslegung würde auf der Datierung der Niederschrift des Buchs basieren und somit auseinanderbrechen, wenn das Buch zu einem anderen Zeitpunkt geschrieben wurde. Allerdings sind solche Argumente nur teilweise korrekt. Sicher, wie bereits erwähnt, ist das Wissen um den Zeitpunkt der Niederschrift von Bedeutung, um gemachte Aussagen richtig einordnen und verstehen zu können, andererseits aber kann man natürlich nicht ein Datum "vorgeben", und dann darauf aufbauend den Inhalt entsprechend interpretieren; wenn die Vorgabe falsch ist, ist auch die Auslegung falsch.

Das wichtigste Kriterium zur Bestimmung der Zeit, wann das Buch der Offenbarung geschrieben wurde, sind die Angaben im Buch selbst, aus denen sich zeitliche Zusammenhänge unmittelbar erkennen oder ableiten lassen. Vor dem Hintergrund der Wahrheit, dass es sich bei diesem Buch um von Gott offenbarte und von Johannes auch treu und korrekt wiedergegebene Wahrheit handelt, sind die aus dem Inhalt ersichtlichen und abzuleitenden Angaben für die Zeit der Niederschrift des Buchs das wichtigste Kriterium. Solche aus dem Inhalt des Buchs stammende Erkenntnis wird auch als "interner Beweis" bezeichnet, und die internen Beweise haben höhere Priorität, größeres Gewicht, als sogenannte "externe Beweise", also Angaben zu der Sache, die sich in anderen Werken und Quellen finden.

Die Gelehrten sind sich nicht unbedingt einig, und im Zuge bestimmter theologischer Strömungen wird heute oftmals das späte Datum bevorzugt. Die auf der Annahme des späten Datums beruhenden Auslegungen legen fast allesamt die in der Offenbarung erwähnten vorausgesagten Ereignisse noch in unsere Zukunft und betrachten damit die Weissagungen der Offenbarung als noch nicht erfüllt. Eine sehr wichtige Rolle für die Annahme des späten Datums (ca. 96 AD) spielt dabei ein Zitat aus einer Schrift des Kirchenvaters Irenäus, in dem dieser Johannes im Zusammenhang mit der Christenverfolgung unter Kaiser Domitian erwähnt. Aufgrund dieser Quelle wird dann die Niederschrift des Buchs der Offenbarung aufgrund der Angabe des Johannes, er befinde sich auf der Insel Patmos wegen des Wortes Gottes und erdulde Trübsal, in die Zeit dieser Verfolgungen unter Domitian gelegt.

Ich will in dieser kleinen Studie lediglich einige der oft vorgebrachten Argumente für beide Daten darlegen, dazu einige aus meiner Sicht wichtige Punkte erwähnen und es dann dem Leser überlassen, sich weiter mit der Thematik zu beschäftigen und sich dann selbst ein eigenes Urteil zu bilden.

Externe Quellen und Beweise

Ich habe hier nur einige externe Quellen angeführt, die von Vertretern beider Positionen immer wieder erwähnt werden als Stütze für ihre jeweilige Interpretation. Manche der Quellen waren mir leider nur in englischer Übersetzung verfügbar, und der hier wiedergegebene deutsche Wortlaut ist meine eigene Übersetzung.

Irenäus - Hinweis auf spätes Datum ?

Irenäus (130-202 AD) wird als Hauptquelle für ein spätes Datum der Niederschrift des Buchs der Offenbarung benutzt. In einem seiner Werke finden sich Anmerkungen zu der Nummer 666, wo Irenäus folgendes berichtet:

"Wir werden jedoch nicht das Risiko eingehen, um verbindlich den Namen des Antichristen anzugeben. Denn wenn es notwendig gewesen wäre, dass sein Name in dieser Zeit offenbart worden wäre, so wäre dies durch den verkündet worden, der die apokalyptische Vision erhielt. Denn dies wurde gesehen vor nicht allzu langer Zeit, sondern vielmehr in unserer Zeit. gegen Ende von Domitians Herrschaft" (eigene, freie Übersetzung)

Falls Johannes diese Vision erst gegen Ende von Domitians Herrschaft gesehen hat, wäre das Jahr 95/96 n.Chr. eine gut passende Möglichkeit. Domitian starb im Jahre 96 AD nach 14-jähriger Herrschaft als römischer Kaiser. Allerdings ist diese Aussage des Irenäus nicht völlig eindeutig und es ist unklar, wer bzw. was "gesehen" wurde. Wurde Johannes noch zu jener Zeit gesehen, oder hat Johannes die dann in seiner Offenbarung aufgezeichnete Vision gesehen?

In einer anderen Schrift erwähnt Irenäus noch bzgl. der Zahl des Namens des Antichristen, dass diese Zahl sich in allen alten und anerkannten Schriften findet. Domitians Herrschaft endete fast noch in seiner Zeit, nicht allzu lange davor, aber hier erwähnt er in seinem 5. Buch, dass die Offenbarung bereits in älteren Schriften enthalten war. Somit ergibt sich, dass die Offenbarung doch bereits vor 95AD geschrieben worden sein muß. Diese Aussage des Irenäus wirft zumindest einige Zweifel auf die Behauptung, die Offenbarung sei erst in den Jahren 95/96 AD aufgeschrieben worden; eigentlich deutet sie auf ein wesentlich früheres Datum der Vision hin.

Aramäische Peschitta Vorwort - Hinweis auf frühes Datum

Das aramäische Peschitta NT verweist in seinem Vorwort auf ein Datum für die Abschrift der Niederschrift der Offenbarung, das noch vor 70 AD liegt. Auf der Titelseite zur Offenbarung des Johannes heißt es dort: "Die Offenbarung, welche von Gott dem Evangelisten Johannes auf der Insel Patmos gegeben wurde, wohin dieser durch den Kaiser Nero verbannt worden war." Nero starb im Jahre 68 AD, somit muss die Offenbarung vor diesem Jahr geschrieben worden sein. Gefangene aus Neros Zeit wurden nach dessen Tod frei gelassen ...

Interne Beweise

Damit das Schreiben an die Christen in der Provinz Asien überhaupt von Nutzen sein konnte, mußte es vor dem Jahr 67 AD dort angekommen sein, bevor Vespasian mit seinem Heer durch diese Region kam. Auch mußte es noch vor Beginn des sogenannten Jüdischen Krieges (66 AD) gewesen sein, da die Römer die Christen und gläubigen Juden in der Diaspora nach Ausbruch des Krieges verfolgt und ausgeplündert hätten. In dem Buch klingt der Ausbruch des Krieges im Jahr 66 AD in dem Teil an, der für Johannes zwar noch zukünftig war aber kurz bevorstand.

Die internen Beweise datieren das Buch der Offenbarung auf die Zeit vor der Zerstörung Jerusalems. Vgl. Off 10,11: "Und mir wurde gesagt: Du mußt abermals weissagen vor Völkern und Nationen und Sprachen und vielen Königen." Falls Johannes tatsächlich vor dem Jahr 66 AD das Buch aufgeschrieben hat, konnte er diesen Auftrag sicher erfüllen. Es wäre ihm möglich gewesen, während der Zeit der Römischen Kaiser Galba (68 AD), Otho (69 AD) Vitellius (69 AD), Vespasian (69-78 AD), Titus (79-81 AD) und Domitian (81-96 AD) zu predigen. Wenn Johannes aber - gemäß der Tradition des späteren Datums - die Offenbarung erst im Jahr 96 AD geschrieben hat, dann ergeben sich Probleme mit dieser Aussage in Offb 10,11ff.  Zum einen behauptet die Tradition, Johannes sei im Jahre 96 AD gestorben, womit er obige Anweisung bzgl. des Weissagens vor vielen Königen nicht mehr hätte erfüllen können. Weiterhin würde ein spätes Datum die rechte Anwendung der geistlichen Symbole leugnen. Falls Johannes in seiner Vision den Tempel noch stehen sah, und falls er dies in 96 AD nach der Zerstörung des Tempels geschrieben hat, so würde das nach einer Wiederherstellung des alttestamentlichen Reiches Israels und des Judentums verlangen. Eine solche Idee steht aber im Gegensatz zu den prophetischen Aussagen in der Schrift. Ein spätes Datum für die Niederschrift leugnet zudem auch ein vollständiges Evangelium zum Heil, die Vollendung des Geheimnisses Gottes, denn Johannes sagte: "sondern in den Tagen, wenn der siebente Engel seine Stimme erheben und seine Posaune blasen wird, dann ist vollendet das Geheimnis Gottes, wie er es verkündigt hat seinen Knechten, den Propheten." (Off 10,7). Das "Geheimnis Gottes", auf das hier Bezug genommen wird, ist eindeutig das Evangelium Christi. Es gibt keine andere Möglichkeit, man vgl. Eph 3,3; 4,9; Kol 1,26; 4,3; Röm 11,25; 16,25.

In Off 11,1.2 wird die Zerstörung des Tempels und Jerusalems geschildert. Wir sollten die Parallele in Sach 14,2 beachten: "Denn ich werde alle Heiden sammeln zum Kampf gegen Jerusalem. Und die Stadt wird erobert, die Häuser werden geplündert und die Frauen geschändet werden. Und die Hälfte der Stadt wird gefangen weggeführt werden, aber das übrige Volk wird nicht aus der Stadt ausgerottet werden." Es kann keinen Zweifel darüber geben, auf welche Zeit sich das bezieht; in Sach 13,7-9 wird erwähnt, es würde sein, kurz nachdem der Hirte seine Schafe zerstreut hat. Jesus zitierte übrigens aus diesem Abschnitt in Mat 26,31.

Off 11,2 ist eine Parallele zu Maleachi 4,1-3. In Maleachi ist ein Tag des HERRN in Sicht, an dem er die Spreu, das sind die Abtrünnigen, verbrennen wird und die Bösen werden zertreten werden. Beide Stellen sind Parallelen zu den Voraussagen Jesu über die Verbrennung des abtrünnigen Israel am "Ende der Welt" (Mt 13,40.49). Wann nun ist das "Ende der Welt", wenn dies stattfinden soll?  Der Schreiber des Hebräerbriefs berichtet, dass der Messias am Ende der Welt starb, vgl. Heb 9,26: "sonst hätte er oft leiden müssen vom Anfang der Welt an. Nun aber, am Ende der Welt, ist er ein für allemal erschienen, durch sein eigenes Opfer die Sünde aufzuheben." Das "Ende der Welt" in Mt 13,40.49 ist das gleiche "Ende der Welt" wie in Heb 9,26, und wir erkennen, es ist die Zeit, da der Messias durch sein eigenes Opfer die Sünde aufhob.

Das Kommen Christi wird in Off 1 eingeführt und zieht sich durch das gesamte Buch bis zu Kapitel 22, wo wir die Warnung lesen: "Ja, ich komme bald!" Off 1,7 spricht vom Kommen des Herrn auf den Wolken und sagt weiterhin, dass die, welche ihn durchbohrten, ihn sehen würden, und dass die Stämme trauern würden. Vers 7 ist ein Zitat aus Sach 12,10 und es sind genau die Worte, die Jesus dem Hohenpriester Kaiphas erwiderte in Mt 26,64.

Die Beschreibungen Jesu von seinem Kommen in Mt 16,27.28; 23,34-39;24,30-31 sind Parallelen zu Daniel 9,24-27. Gegenüber seinen Aposteln macht Jesus unmißverständlich klar, dass sich sein Kommen noch in ihrer Generation ereignen wird: "Wenn sie euch aber in einer Stadt verfolgen, so flieht in eine andere. Wahrlich, ich sage euch: Ihr werdet mit den Städten Israels nicht zu Ende kommen, bis der Menschensohn kommt."

Das Kommen Christi in fortschreitendem Gericht über das abtrünnige Israel war imminent, es war nahe. Christus würde kommen, um die Bösen dafür zu richten, dass sie ihn und seine Gemeinde verfolgten. Vgl. die in Mt 16,27 benutzten Worte: "Denn es wird geschehen, daß der Menschensohn kommt ..." Das deutsche Wort "kommt" ist aus dem Griechischen wörtlich eigentlich "wird [ist im Begriff zu]kommen". Der Menschensohn "war im Begriff zu kommen" [Gr. mello] (vgl Thayer, Greek and English Lexicon, S. 396. In Mt 16,27 verkündet der Messias, das er im Begriff ist zu kommen. Und der nächste Vers bestätigt das mit: "Wahrlich, ich sage euch: Es stehen einige hier, die werden den Tod nicht schmecken, bis sie den Menschensohn kommen sehen in seinem Reich." Einige von denen, die dabeistanden und Jesu Worte hörten, würden noch am Leben sein, wenn er wiederkommen würde.

Zusammenfassung

Es bleiben zwei Möglichkeiten: (1) Entweder er ist zurückgekommen; oder (2) es gibt einige Leute, die irgendwo auf der Welt leben und auf das Kommen des Menschensohns warten und mittlerweile ca 2000 Jahre alt sind!

Dieses Kommen war eines der fortschreitenden Gerichte und ist parallel mit den Gerichten des HERRN in 1Mo 3, als Adam und Eva für ihre Übertretung von Gottes Gebot gerichtet wurden . Es ist auch parallel zu dem Kommen des HERRN in 1Mo 18, als er kam, um Sodom und Gomorra zu richten. Es ist parallel zu dem Kommen des HERRN nach Ägypten während des Auszugs, 2Mo 3,8, und Jes 5,25; 10,5-11; Joel 2,1; Zef 1,1-18; 14,5.
Bzgl. dieses Kommens Christi in Off 1,7 schreibt Adam Clarke: "Dies bezieht sich auf das Kommen, um die Feinde seiner Gemeinde zu richten, und möglicherweise auf sein Kommen um Jerusalem zu zerstören, da speziell die ihn sehen sollten, welche seine Seite durchbohrt hatten, womit die ungläubigen und rebellierenden Juden gemeint sein müssen." (Commentary on Revelation, 1844 ed Vol 6, S. 970-971)

Letzte Änderung:
2012-11-07 18:36
Verfasser:
Wolfgang Schneider

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