"Selbstliebe" vor "Nächstenliebe"?


Einleitung

Vor einiger Zeit schon unterhielt ich mich mit einem anderen Christen darüber, wie so viele Christen (und unter ihnen wohl auch wir selbst immer wieder einmal) es in der heutigen Zeit versäumen, in christlicher Nächstenliebe zu wandeln. Unsere Unterhaltung war angeregt worden durch einen Spendenaufruf zum Sammeln von Kleidung und anderen Hilfsmitteln für Christen in Indien, die dort zur Zeit in mancher Hinsicht starker Verfolgung durch die Hindus ausgesetzt sind und auch aufgrund einiger Naturkatastrophen in Not kamen. Man hört sicher immer wieder von Aufrufen, man erfährt hier und da von Notsituationen irgendwo in der weiten Welt, und jedesmal wird ganz besonders die christliche Bevölkerung in den sogenannten „reichen Ländern“ kategorisch angesprochen und Hilfe von ihr erwartet.

Solches geschieht dann eigentlich fast immer unter Berufung auf bzw. im Namen der „christlichen Nächstenliebe“, obwohl keineswegs immer Christen Hilfe gewähren bzw. angesprochen werden. Sind solche "guten Werke“ überhaupt das, was biblisch als christliche Nächstenliebe zu bezeichnen ist? Oder wird hier, wie in so manchen anderen Dingen auch, lediglich ein Schlagwort benutzt, um entweder an ein bereits existierendes schlechtes Gewissen zu appellieren bzw. jenen Menschen zunächst ein schlechtes Gewissen einzureden, um sie dann auf dieser Basis dazu zu bringen, eine Spende für den "guten Zweck“ zu geben?

Nur, ist das "christliche Nächstenliebe“? Worum geht es bei dem "Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“, das Jesus verschiedentlich erwähnte? Was hat es damit auf sich und welche Lektion sollten wir daraus lernen? Wird diese Nächstenliebe vielleicht durch eine andere Wahrheit qualifiziert bzw. genauer definiert? Was hat die Bibel als von Gott offenbarte Wahrheit diesbezüglich zu sagen?

In dieser kleinen Studie werde ich bemüht sein, einige der wichtigen biblischen Wahrheiten zu diesem Thema aufzuzeigen und anhand von Schriftstellen Antworten auf die hier gestellten Fragen zu geben. Wir alle sollten uns nicht scheuen, solchen Fragen nachzugehen und aus der Schrift rechte Anleitung für unser Verhalten im täglichen Leben zu lernen, damit wir recht wandeln und in allen Dingen unserem Herrn Jesus Christus nachfolgen können.

Ich werde verschiedene Stellen aus der Bibel anführen, die dieses Gebot der Nächstenliebe erwähnen, und sie dann vom Zusammenhang her genauer erörtern. Dabei werden einige erstaunliche Punkte deutlich werden, die auch manchen Leser zum Nachdenken und möglicherweise Umdenken veranlassen dürften.

Mögen wir zu einem besseren Verständnis der biblisch fundierten Nächstenliebe gelangen und so Gott wohlgefällig wandeln. Möge in allem unser himmlischer Vater gelobt und gepriesen werden, denn ihm gebührt das Lob und Ehre in Ewigkeit.

Dem höchsten und größten Gebot gleich

Wenn wir an den Wortlaut des Titels dieser Studie denken, so wird vermutlich ein jeden Gläubiger, der auch nur ein wenig mit der Bibel vertraut ist, schnell daran erinnert, daß diese Aussage Teil des sogenannten "größten und höchsten Gebots“ ist. Diese Bezeichnung leitet sich aus einer Stelle im Matthäusevangelium ab, wo dieser Ausdruck vorkommt.

Mt 22,34–40
Als aber die Pharisäer hörten, daß er den Sadduzäern das Maul gestopft hatte, versammelten sie sich.
Und einer von ihnen, ein Schriftgelehrter, versuchte ihn und fragte:
Meister, welches ist das höchste Gebot im Gesetz?
Jesus aber antwortete ihm: »Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt«
Dies ist das höchste und größte Gebot.
Das andere aber ist dem gleich: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst«.
In diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten

Wir sehen hier, wie Jesus auf die Frage eines pharisäischen Schriftgelehrten nach dem höchsten Gebot im Gesetz antwortet. Er weist ihn auf das Gebot der Liebe zu Gott hin und schließt dann dieses Gebot der Liebe zum Nächsten daran an. Dabei besteht Jesus darauf, daß dieses Gebot zur Liebe des Nächsten dem eigentlich höchsten und größten Gebot "gleich“ sei. Beide Gebote sind dem Gesetz, der Torah, den 5 Büchern Mose entnommen.

5Mo 6,5
Und du sollst den HERRN, deinen Gott, liebhaben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft.

3Mo 19,18
…. Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst; ich bin der HERR.

Jesus verbindet diese 2 Gebote in gewisser Weise miteinander und macht damit deutlich, daß das in der Tat höchste und größte Gebot, Gott von ganzem Herzen, ganzer Seele und mit aller Kraft zu lieben, nicht getrennt gesehen werden kann von dem Gebot, den Nächsten zu lieben. In 3. Mose 19,18 können wir lesen, wie durch den kurzen Nachsatz ("ich bin der HERR“) diese Wahrheit ebenfalls schon erwähnt und angedeutet ist.

Die vorbehaltlose und ganze Liebe zu Gott steht selbstverständlich an erster Stelle. Ihm gebührt unsere Hinwendung, unsere Aufmerksamkeit, unsere Bemühung in jeglicher Hinsicht. All unser Denken und Handeln soll auf ihn ausgerichtet sein. Gott, der HERR, soll im Mittelpunkt stehen und nichts und niemand sonst. Ihm gebührt unser ganzes Herz, unsere ganze Seele und all unsere Kraft. Mit anderen Worten, wir sollen Gott gänzlich, ungeteilt, liebhaben.

Ist nun Jesu Hinweis auf das andere Gebot der Nächstenliebe nicht ein Widerspruch hierzu? Wie kann das Gebot, Gott ganz zu lieben, das höchste und größte Gebot sein, und andererseits das Gebot, den Nächsten zu lieben, diesem "gleich“ sein? Jesus hat sicherlich nicht eine Aussage durch eine andere aufgehoben oder ungültig gemacht, sondern eine weitere Wahrheit verkündet, die wir korrekt verstehen müssen, um nicht durch ein falsches Verständnis unsererseits quasi einen Widerspruch zu erzeugen.

Auf welche Weise kann nun das Gebot, Gott von ganzem Herzen, ganzer Seele und mit all unserer Kraft zu lieben, das höchste und größte Gebot sein, dabei andererseits jedoch das Gebot, den Nächsten zu lieben, diesem "gleich“ sein? Worin besteht nun diese "Gleichheit“? Wir sollten zunächst beachten, daß Jesus die zwei Gebote nicht generell einfach gleich stellt, á la mathematische Gleichung A=B. Das tut er nämlich nicht. Er erwähnt lediglich, daß das an zweiter Stelle erwähnte Gebot der Nächstenliebe dem zuerst erwähnten Gebot der Gottesliebe "gleich“ sei … nicht umgekehrt! Wie ist nun das zweite Gebot dem zuerst erwähnten "gleich“?

Der von Gott diesem Gebot angefügte Zusatz ("Ich bin der HERR“) gibt uns einen Schlüssel zum rechten Verständnis. Die Liebe zum Nächsten wird geboten auf der Grundlage der Wahrheit, daß Gott der HERR ist! Es heißt im wahrhaft höchsten und größten Gebot: "…du sollst den HERRN, deinen Gott, liebhaben …“. Weil nun er der HERR ist, sollen wir den Nächsten lieben. Wir können erkennen, wie das Gebot der Nächstenliebe eigentlich aus dem Gebot, Gott ganz zu lieben, erwächst und auf ihm gegründet ist. Das Gebot, den Nächsten zu lieben, ergibt sich als logische Konsequenz aus dem Gebot, Gott zu lieben. Weil er der HERR ist, und weil wir ihn von ganzem Herzen und ganzer Seele und aller Kraft liebhaben, sollen wir anderen gegenüber so handeln, daß wir sie als Nächste lieben.

Diese Wahrheit wird im Neuen Testament auf andere Weise ebenfalls verdeutlicht, z.B. in 1. Johannes.

1Jo 4,20.21
Wenn jemand spricht: Ich liebe Gott, und haßt seinen Bruder, der ist ein Lügner. Denn wer seinen Bruder nicht liebt, den er sieht, wie kann er Gott lieben, den er nicht sieht?
Und dies Gebot haben wir von ihm, daß, wer Gott liebt, daß der auch seinen Bruder liebe

Hier wird in besonderer Weise auf die Liebe untereinander in der Gemeinde hingewiesen, in der sich unsere Liebe zu Gott wahrhaftig zeigt. Wir können erkennen, wie die Liebe auf der zwischenmenschlichen Ebene die logische und absolut notwendige Konsequenz der Liebe auf der Ebene Mensch zu Gott ist. Wenn diese Liebe zu dem andern Menschen nicht gelebt wird, so kann keine Rede davon sein, daß man Gott liebt. Die Liebe zu Gott ist nur dann wahrhaftig vorhanden, wenn die Liebe zu dem Bruder bzw. dem Nächsten gegeben ist.

Vor diesem Hintergrund wird deutlich, worauf Jesus mit seiner Antwort auf die Frage des Pharisäers nach dem höchsten und größten Gebot im Gesetz hindeutete. Der Pharisäer hatte eine schlechte Absicht, denn er stellte seine Frage ja nicht, um etwas von Jesus zu lernen, sondern um ihn zu versuchen und eventuell bzgl. mangelnder Erkenntnis des Gesetzes Gottes in Schwierigkeiten bringen zu können.

Diese Begebenheit wird auch in Markus 12 berichtet.

Mk 12,28-31
Und es trat zu ihm einer von den Schriftgelehrten, der ihnen zugehört hatte, wie sie miteinander stritten. Und als er sah, daß er ihnen gut geantwortet hatte, fragte er ihn: Welches ist das höchste Gebot von allen?
Jesus aber antwortete ihm: Das höchste Gebot ist das: »Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der Herr allein,
und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und von allen deinen Kräften«
Das andre ist dies: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst«. Es ist kein anderes Gebot größer als diese.

In diesem Bericht sehen wir, wie Jesus auch erwähnt, Gott sei zu lieben "von ganzem Gemüt“. Wir lernen ansonsten die gleiche Wahrheit wie schon in Matthäus, und es wird deutlich, daß diese zwei Gebote zusammenhängend zu verstehen sind, und sozusagen als "Gespann“ absolut den höchsten Rang aller Gebote im Gesetz einnehmen. Kein anderes Gebot ist größer als diese zwei: (1) Gott lieben von ganzem Herzen, ganzer Seele, ganzem Gemüt und von allen Kräften; und dann (2) deinen Nächsten lieben.

Warum nun ist kein anderes Gebot größer als diese zwei?

Diese Gebote als Erfüllung des Gesetzes

Um diese Frage zu beantworten, warum die zwei Gebote die größten sind und kein anderes Gebot an sie heranreicht, wollen wir einige weitere Schriftstellen zu Rate ziehen, in denen Jesus ebenfalls auf die Liebe zum Nächsten zu sprechen kommt.

In Matthäus 22 hatte er abschließend folgende Feststellung gemacht:

Mt 22,40
In diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten.

Jesus benutzt offenbar eine in seiner Sprache und zu seiner Zeit geläufige Redewendung, um ganz betont eine bestimmte Wahrheit bzgl. der Bedeutung dieser zwei Gebote hinsichtlich des Gesetzes und der Propheten, also der Schriften des Alten Testaments, zu verkünden. Das ganze Gesetz und die Propheten "hängen“ in diesen beiden Geboten der Liebe zu Gott und dem Nächsten. Das Bild des "Dreh- und Angelpunkts“ wird uns vor Augen geführt. Diese zwei Gebote sind in gewisser Hinsicht "zentral“ für alles andere im Gesetz und den Propheten, und das ganze Gesetz und die Propheten "ruhen“ in diesen zwei Geboten. Diese zwei Gebote haben Wirkung auf das ganze Gesetz und die Propheten.

Auch der Apostel Paulus greift diese Wahrheit in zwei von seinen Briefen direkt auf und verdeutlicht für uns dabei auch, was der Ausdruck "in diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten“ bedeutet. In besonderer Weise nimmt er dabei Bezug auf das zweite dieser Gebote, das Gebot der Nächstenliebe.

Röm 13,8-10
Seid niemandem etwas schuldig, außer, daß ihr euch untereinander liebt; denn wer den andern liebt, der hat das Gesetz erfüllt.
Denn was da gesagt ist: »Du sollst nicht ehebrechen; du sollst nicht töten; du sollst nicht stehlen; du sollst nicht begehren«, und was da sonst an Geboten ist, das wird in diesem Wort zusammengefaßt: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.«
Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses. So ist nun die Liebe des Gesetzes Erfüllung.

Die Liebe zum andern ist gleichbedeutend mit der Erfüllung des Gesetzes. Wenn man einen andern liebt, so tut man ihm nichts Böses, sondern tut genau das, was Gottes Gebot vorgibt und erfüllt so das, was Gott von uns verlangt.

Hier wird zwar nicht direkt das "Gott lieben“ erwähnt, aber eine andere Aussage aus 1. Johannes verdeutlicht, daß auch dieser Aspekt hier durchaus mit einbezogen ist.

1Jo 5,2.3
Daran erkennen wir, daß wir Gottes Kinder lieben, wenn wir Gott lieben und seine Gebote halten.
Denn das ist die Liebe zu Gott, daß wir seine Gebote halten; und seine Gebote sind nicht schwer.

Wenn wir Gottes Wort tun, wenn wir seine Gebote halten, dann lieben wir ihn. Das ist die Liebe zu Gott. Worte allein genügen nicht, Taten sind notwendig.

Paulus erläutert, daß in dem einen Wort – in diesem einen Gebot, den Nächsten zu lieben – all die anderen Gebote bzgl. des Verhaltens gegenüber anderen einbegriffen sind. Er führt mehrere der Zehn Gebote auf, die dem rechten Lebenswandel gegenüber dem anderen dienen und das Verhalten gegenüber andern Menschen regeln, legt dann aber dar, daß diese alle in einem einzigen Gebot zusammengefaßt sind: "Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“

Wir erkennen aus dieser Stelle auch, daß es hier nicht darum geht, daß wir das Gesetz erfüllen sollen, um vor Gott gerecht und gerettet zu werden. Es geht nicht um unser Verhältnis zu Gott, sondern um unsere Beziehung als gerettete Gläubige zu anderen Menschen. Wir erfüllen das Gesetz im Hinblick auf seine Forderungen und Vorgaben bzgl. unseres Verhaltens zu anderen Menschen. Das Gesetz Gottes enthält diesbezüglich eine Reihe von Forderungen und Geboten, und erfüllt darin seine Aufgabe als "Schulmeister“, um Menschen zu einem "christlichen Lebenswandel“ zu bringen, d.h. dahin, daß wir Christus ähnlich werden und in unserem Leben wahrhaftig so wandeln, wie er es uns als Beispiel gegeben hat und wie es uns in den Evangelien berichtet wird.

Unser Lebenswandel steht auch im Mittelpunkt der Ausführungen des Paulus in seinem Brief an die Galater.

Gal 5,13-15
Ihr aber, liebe Brüder, seid zur Freiheit berufen. Allein seht zu, daß ihr durch die Freiheit nicht dem Fleisch Raum gebt; sondern durch die Liebe diene einer dem andern.
Denn das ganze Gesetz ist in einem Wort erfüllt, in dem: »Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!«
Wenn ihr euch aber untereinander beißt und freßt, so seht zu, daß ihr nicht einer vom andern aufgefressen werdet

Erneut ermutigt der Apostel die Gläubigen, einander in der Liebe zu dienen. Die Hinwendung zum "andern“, und in gewisser Hinsicht die Abwendung von sich "selbst“, wird erneut sehr betont geschildert.

In Christus haben die Gläubigen eine große Freiheit erlangt, eine Freiheit von Sünde und Tod und auch die Freiheit von der Strafe des Gesetzes, die Christus stellvertretend für uns alle bereits auf sich nahm und durch sein Leiden und seinen Tod am Kreuz bereits trug. Es besteht ganz offensichtlich die Gefahr, daß die Gläubigen diese Freiheit in falscher Weise "nutzen“ und aufgrund dieser Freiheit, daß die Strafe des Gesetzes für ihre Sünde bereits durch Christus getragen worden ist, möglicherweise genau das Gegenteil von dem tun, was ihnen eigentlich durch Christi vollendetes Erlöserwerk aus Gnade ermöglicht worden ist. Mancher mag zuvor das Gesetz und die in ihm angedrohten Konsequenzen zum Anlaß genommen haben, sich zu bemühen, rechtschaffen nach dem Gesetz zu leben. Nun aber könnte man auf die falsche Idee kommen, daß die in Christus gewährte Gnade dazu berechtige, munter drauf los nach den Begierden des Fleisches und somit in Sünde zu wandeln. Immerhin, dadurch würde sich ja die Gnade nur noch mächtiger erweisen, oder etwa nicht? (Vgl. Röm 6,1-2: "Was sollen wir nun sagen? Sollen wir denn in der Sünde beharren, damit die Gnade um so mächtiger werde? Das sei ferne! Wie sollten wir in der Sünde leben wollen, der wir doch gestorben sind?“)

Nein, eine solche falsche Vorstellung ist unangebracht. Vielmehr gilt nun ein anderer Grundsatz um so mehr: "…sondern durch die Liebe diene einer dem andern. Denn das ganze Gesetz ist in einem Wort erfüllt, in dem: »Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!« Erneut wird das Augenmerk sofort weg von selbst und hin auf den andern gerichtet. Die Begierden des Fleisches zielen alle auf einen selbst hin, und die daraus resultierenden Werke des Fleisches (vgl. Gal 5,19-21) weisen alle auf selbstsüchtiges Verhalten hin.

Der hier in Galater 5 angesprochene Dienst in der Liebe an dem andern aber wird von Paulus gleichgesetzt mit dem Wandel nach dem Geist. Durch diesen Wandel in der Liebe, den Wandel im Geist, stellen wir uns wahrhaftig in unserem Wandel auf die Ebene und in die Position, zu der Christus uns befreit hat. In Liebe einer dem anderen zu dienen, ist gleichbedeutend mit der Erfüllung des Gesetzes in Hinsicht auf unser Verhalten gegenüber dem Mitmenschen. Wenn wir so wandeln, "erfüllen wir das Gesetz“. Den Nächsten lieben ist die Erfüllung des Gesetzes. Hieraus wird dann auch klar, was uns später in Gal 5,22.23 gesagt wird: "Die Frucht aber des Geistes ist Liebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut, Keuschheit; gegen all dies ist das Gesetz nicht.“ Ja, wenn wir die Frucht des Geistes hervorbringen, dann sind wir nach dem Geist gewandelt bzw. haben durch die Liebe einer dem andern gedient und so "das Gesetz erfüllt“ bzgl. seiner Forderungen zum Verhalten gegenüber andern! Daher ist gegen "all dies“ –die Frucht des Geistes – das Gesetz nicht!

Eine weitere interessante und bedeutsame Wahrheit bzgl. der Erfüllung des Gesetzes durch den Wandel in der Liebe und in Gestalt der Liebe zum Nächsten, wird uns aus einigen weiteren Lehren Jesu in den Evangelien mitgeteilt.

Mt 7,12
Alles nun, was ihr wollt, daß euch die Leute tun sollen, das tut ihnen auch! Das ist das Gesetz und die Propheten.

Jesus faßt hier, zum Abschluß eines größeren Teils seiner Unterweisung in der Bergpredigt die vielen großartigen Wahrheiten der vorausgehenden Rede in diesem Gebot zusammen: "Alles nun, was ihr wollt, daß euch die Leute tun sollen, das tut ihnen auch!“ Dann stellt er fest: "Das ist das Gesetz und die Propheten.“ Jesus sagte bei der späteren Gelegenheit und Frage nach dem höchsten Gebot im Gesetz: "In diesen zwei Geboten hängen das Gesetz und die Propheten“. "Hängen das Gesetz und die Propheten“ und "Das ist das Gesetz und die Propheten“ drücken eigentlich das gleiche aus. "Was“ nun "st das Gesetz und die Propheten“? Anderen Menschen etwas tun, nämlich "was ihr wollt, daß euch die Leute tun sollen.

Hier nun will ich ansetzen, um den bislang ganz bewußt noch ausgelassenen Ausdruck "wie dich selbst“ näher zu erörtern.

Liebe deinen Nächsten wie dich selbst

Ich habe in der Vergangenheit des öfteren Vorträge über das höchste und größte Gebot gehört und auch selbst einige gehalten, die mir nun nach intensiverer Beschäftigung mit diesen Aussagen nicht mehr unbedingt korrekt zu sein scheinen.

Ich verstand zu jener Zeit diesen Ausdruck "wie dich selbst“ so, als müsse man sich zunächst einmal selbst lieben, und erst, wenn man sich selbst liebt, könne man auch den Nächsten lieben. So legte ich dann diese Aussage auch aus. Bei dieser Auslegung wird der Ausdruck "deinen Nächsten lieben wie dich selbst“ isoliert und nur für sich selbst genommen und verstanden, wobei das "wie“ so behandelt wird, als gäbe der nachfolgende Ausdruck das vergleichende Maß an für die vorangehende Feststellung. Mit anderen Worten, wenn ich mich nicht selbst liebe, kann ich meinen Nächsten nicht lieben; daher muß ich unbedingt zuerst darauf achten, mich selbst zu lieben. Nur ist das, was dieser Ausdruck überhaupt meint?

Wenn man etwa die Stelle aus Mt 22,36-38 unter diesem Aspekt anschaut, ergäbe sich sozusagen folgendes Schema fürs Lieben: (1) liebe Gott; (2) liebe dich selbst, und (3) liebe deinen Nächsten entsprechend dem Maß, wie du dich selbst liebst. Ist das aber, was in der Bibel in diesen Stellen gelehrt wird? Ist das, wovon das "sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“ handelt?

Man kann einen Ausdruck nicht unbedingt nur für sich isoliert lesen und dann die Worte korrekt verstehen, wenn sie ohne Kontext dastehen und einem eigentlich der notwendige Rahmen fehlt, der den Worten erst die richtige Bedeutung mitgibt. Manchmal ist es auch nicht nur der direkte Zusammenhang einer Stelle, der sich als hilfreich erweist, um zum richtigen Verständnis zu gelangen. Es kann durchaus sein, daß eine andere Stelle, die nur indirekt vom gleichen Thema handelt, den notwendigen Schlüssel für das richtige Verständnis enthält.

Aus den zwei Aussagen Jesu, die uns in Mt 7,12 und dann in Mt 22,36-38 mitgeteilt werden, können wir erkennen, daß diese oben erwähnte Idee bzgl. des "deinen Nächsten lieben wie dich selbst“ offensichtlich so nicht den Kern der darin ausgedrückten Wahrheit treffen kann. Auch die Stellen in den Briefen des Paulus, wo dieses Gebot aus 3. Mose zitiert und die Einhaltung dieses Gebots als Erfüllung des Gesetzes geschildert wird, lassen nicht auf eine solche doch eher "egoistische“ Sichtweise schließen. Der andere, der Nächste, steht doch jeweils im Blickpunkt des Geschehens, nicht wir selbst. Eine "Selbst“ Liebe wird eigentlich nirgendwo in der Bibel propagiert! Nein, wie lesen immer nur davon, sich selbst gegenüber dem andern zurück zu stellen und den andern höher zu achten als sich selbst. Was aber bedeutet dann diese Aussage, den Nächsten zu lieben "wie dich selbst“?

Mt 7,12 enthält die Antwort auf die Frage. In der Bergpredigt legt Jesus dar, was es bedeutet, in der Liebe zu wandeln und ein gottesfürchtiges und rechtes Leben als Jünger Jesu zu führen. Er faßt die bis dahin ausführlicher geschilderten Fälle und Beispiele nun hier in einer einzigen umfassenden Aussage zusammen, die uns auch vielleicht unter dem Begriff "die goldene Regel“ bekannt ist.

Mt 7,12
Alles nun, was ihr wollt, daß euch die Leute tun sollen, das tut ihnen auch! Das ist das Gesetz und die Propheten.

"Alles nun, was ihr wollt, daß euch Leute tun sollen, das tut ihnen auch!“ Das ist die goldene Regel, die mit dem Gebot, den Nächsten zu lieben wie sich selbst, ganz eng verbunden ist. Um diese goldene Regel ein wenig anders auszudrücken, und damit dem Wortlaut des Gebots der Nächstenliebe vielleicht etwas näher zu kommen, könnte man auch sagen: "Tut den Leuten, wie ihr es auch wollt, falls ihr selbst in der Position des andern wärt!“ Also: "Liebe den Nächsten so, wie wenn dieser Nächste du selbst wärst!“

Dieselbe Wahrheit erwähnt Jesus auch in einer anderen Predigt, die uns in Lukas 6 berichtet wird.

Lk 6,31-36
Und wie ihr wollt, daß euch die Leute tun sollen, so tut ihnen auch.
Und wenn ihr die liebt, die euch lieben, welchen Dank habt ihr davon? Denn auch die Sünder lieben ihre Freunde.
Und wenn ihr euren Wohltätern wohltut, welchen Dank habt ihr davon? Denn die Sünder tun dasselbe auch.
Und wenn ihr denen leiht, von denen ihr etwas zu bekommen hofft, welchen Dank habt ihr davon? Auch die Sünder leihen den Sündern, damit sie das Gleiche bekommen
Vielmehr liebt eure Feinde; tut Gutes und leiht, wo ihr nichts dafür zu bekommen hofft. So wird euer Lohn groß sein, und ihr werdet Kinder des Allerhöchsten sein; denn er ist gütig gegen die Undankbaren und Bösen.
Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.

In Vers 31 lesen wir erneut darüber, wie wir anderen begegnen sollen, wie wir andere mit Taten lieben sollen: "Wie ihr wollt, daß euch die Leute tun sollen, so tut ihnen auch.“ "Tut ihnen so, wie wenn ihr an ihrer Stelle wärt!“ Das ist offenbar, was mit dem "den Nächsten lieben wie dich selbst“ gemeint ist. Unser Augenmerk ist in keiner Phase auf uns selbst gerichtet, wir sind nicht mit uns selbst beschäftigt, wir sind nicht um uns selbst bemüht – sondern um den andern!

Wir tun andern das Gute, was wir von anderen auch für uns erwarten würden. Wer erwartet schon oder will, daß andere ihm Böses tun? Daß andere ihn vernachlässigen oder keine Beachtung schenken? Niemand würde das wünschen.

In Vers 36 folgt noch eine weitere Ermahnung, die in diesem Zusammenhang von Bedeutung ist: "Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.“ Diese Worte lenken unsere Aufmerksamkeit wiederum auf Gott, und daß er über allem steht und wacht und unsere Bemühungen und unseren Liebesdienst auch nicht unbeachtet lassen wird.

Wer ist mein Nächster?

Eine andere äußerst bemerkenswerte und aufschlußreiche Stelle findet sich noch in Lukas 10. Wir lesen dort das Gleichnis vom barmherzigen Samariter, und auch dieses wird des öfteren aus dem Zusammenhang gelöst und als gänzlich eigenständige Geschichte gelesen und ausgelegt. Wir dürfen aber nicht außer acht lassen, in welchem Kontext dieses Gleichnis steht.

Lk 10,25-28
Und siehe, da stand ein Schriftgelehrter auf, versuchte ihn und sprach: Meister, was muß ich tun, daß ich das ewige Leben ererbe?
Er aber sprach zu ihm: Was steht im Gesetz geschrieben? Was liest du?
Er antwortete und sprach: »Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von allen Kräften und von ganzem Gemüt, und deinen Nächsten wie dich selbst«
Er aber sprach zu ihm: Du hast recht geantwortet; tu das, so wirst du leben.

Dies erinnert an die andere Stelle aus Matthäus 22, als einer der Pharisäer Jesus nach dem höchsten Gebot im Gesetz fragte und Jesus diese zwei Gebote als Antwort zitierte. Hier ist erneut eine Situation, wo einer der Schriftgelehrten Jesus versuchte, und ihm eine knifflige Frage stellte. Diesmal aber gibt Jesus nicht die Antworten, sondern er nutzt ganz geschickt eine andere Taktik und läßt diesen Schriftgelehrten seine eigenen Fragen beantworten, indem er Gegenfragen stellt.

Der Schriftgelehrte erwähnt die zwei höchsten Gebote im Gesetz, die Gebote in denen das Gesetz und die Propheten hängen, und die zu tun der Erfüllung der Anforderung des Gesetzes gleichkommt. Der Schriftgelehrte gibt die korrekte Antwort auf Jesu Frage, und da er über das notwendige Wissen und die rechte Erkenntnis verfügt, bleibt für ihn lediglich eines: das tun, was er da sagt!

Der Schriftgelehrte aber ist mit dieser Anregung nicht sonderlich zufrieden.

Lk 10,29
Er aber wollte sich selbst rechtfertigen und sprach zu Jesus: Wer ist denn mein Nächster?

Ach, wie oft habe ich schon genau diese Frage im Laufe der Jahre und von so vielen Menschen gehört … und sie manchmal auch schon selbst gestellt! Und im Grunde genommen haben alle, die diese Frage stellen, gewissermaßen die gleiche Absicht wie dieser Schriftgelehrte hier: Sie wollen sich rechtfertigen dafür, daß sie nicht tun, was dieses Gebot ihnen aufträgt. Da man nicht einfach das Gesetz Gottes "ablehnen“ will, wendet sich das Augenmerk auf eine Sache, die vielleicht einen guten Grund abgeben wird, weshalb man sich nicht unbedingt an diese Gebote zu halten braucht.

Da wird dann nachgedacht und erörtert, wer nun mein Nächster ist – vielleicht meine Familie? Oder etwa mein Volk? Wie wär’s mit den Gläubigen in meiner Kirche bzw. Gemeinde? Könnten es die tatsächlichen Nachbarn sein, mit denen ich jeden Tag zu tun habe? Wir suchen zu ergründen, welche Kriterien der andere erfüllen muß, um als mein Nächster gelten zu können. Und wozu solche Fragen? Letztlich vermutlich nur dazu, nicht aktiv eingreifen zu müssen und sich davor drücken zu können, in manchen Situationen die eigenen bereits festgelegten Ziele zu ändern, um für einen anderen da zu sein.

Der Schriftgelehrte erlebt mit Jesu Antwort eine gewaltige Überraschung!

Lk 10,30-37
Er aber wollte sich selbst rechtfertigen und sprach zu Jesus: Wer ist denn mein Nächster?
Da antwortete Jesus und sprach: Es war ein Mensch, der ging von Jerusalem hinab nach Jericho und fiel unter die Räuber; die zogen ihn aus und schlugen ihn und machten sich davon und ließen ihn halbtot liegen.
Es traf sich aber, daß ein Priester dieselbe Straße hinabzog; und als er ihn sah, ging er vorüber.
Desgleichen auch ein Levit: als er zu der Stelle kam und ihn sah, ging er vorüber.
Ein Samariter aber, der auf der Reise war, kam dahin; und als er ihn sah, jammerte er ihn;
und er ging zu ihm, goß Öl und Wein auf seine Wunden und verband sie ihm, hob ihn auf sein Tier und brachte ihn in eine Herberge und pflegte ihn.
Am nächsten Tag zog er zwei Silbergroschen heraus, gab sie dem Wirt und sprach: Pflege ihn; und wenn du mehr ausgibst, will ich dir's bezahlen, wenn ich wiederkomme.
Wer von diesen dreien, meinst du, ist der Nächste gewesen dem, der unter die Räuber gefallen war?
Er sprach: Der die Barmherzigkeit an ihm tat. Da sprach Jesus zu ihm: So geh hin und tu desgleichen!

Die Frage danach, wer überhaupt quasi einen Anspruch darauf hat, daß ich ihm in einer Notlage helfe, war in Israel anscheinend mit der Zeit immer enger eingegrenzt worden und zu Jesu Zeiten (wie nicht anders auch in vielerlei Hinsicht in unserer Zeit) wurde oft nur der "Glaubensgenosse“ oder "Gesinnungsgenosse“ als Nächster verstanden. Irgend etwas von seiten des andern wird als Merkmal oder Maßstab genommen, was den andern entweder zum Nächsten macht oder ihn davon ausschließt, mein Nächster zu sein. Und dieser Maßstab wird dann typischerweise immer enger gefaßt, damit man weniger und weniger Nächste hat, die einen von eigener Bequemlichkeit ablenken und zu einer unangenehmen Tat nötigen könnten. Über solchen falschen Ideen geht natürlich der wahre Sinn des Gesetzes über die Liebe zum Nächsten völlig verloren. Typisch ist dann, daß gerade die religiös sehr eifrigen Leute über ihren Argumenten und Kämpfen und Abgrenzungen in Glaubens- und auch Gesetzesfragen die Bedürfnisse oder Not des Nächsten übersehen oder vielleicht auch schon gar nicht mehr wahrnehmen.

Jesus antwortet auf die Frage des Schriftgelehrten, wer denn nun sein Nächster sei, mit einer interessanten Geschichte, in der er genau diese Gefahren aufdeckt und den falschen Ansatz dieser Frage bloßstellt. Sein Beispiel von dem Mann, der unter die Räuber fiel und in Not geriet, und den drei Männern, die dann an jener Stelle vorbeikamen, weitet den Blick aus und weist insbesondere natürlich das typisch religiöse Fehlverhalten einer falschen Frömmigkeit in Gestalt des Priesters und des Leviten zurecht. Daß er dann auch noch einen Samariter das Richtige tun läßt, mußte diesen Schriftgelehrten sicherlich tief berühren, denn gerade die Samariter waren zu jener Zeit eigentlich bei allen jüdischen Gruppierungen eher verhaßt und wurden von allen verachtet.

Es ist schon erstaunlich, was Jesus alles in diese Geschichte hineinlegt und was wir alles daraus lernen können. Zuerst erkennen wir sicherlich schnell, daß alle drei Männer den Mann in Not wahrnahmen – sie "sahen ihn“. Der Priester und der Levit, die ja eigentlich beide für sich in Anspruch nahmen, im Dienste Gottes zu stehen, brachten es aus irgendeinem Grunde fertig, trotz des Elends, das sie gesehen hatten, nichts zu unternehmen. Sie waren vielleicht beschäftigt mit religiösen Themen, vielleicht auf dem Weg zum Gottesdienst, vielleicht auf dem Rückweg aus Jerusalem nach vollbrachtem Dienst im Tempel. Jesus erwähnt keine Gründe für ihr starres und liebloses Verhalten. Ausgerechnet ein Samariter wendet sich dann sogleich dem unter die Räuber gefallenen Mann zu und hilft ihm in dieser schwierigen Situation unter Einsatz seiner persönlichen Mittel.

Jesus dreht mit diesem Beispiel die Frage des Schriftgelehrten und somit gewissermaßen den Spieß genau um: "Wer von diesen dreien … ist der Nächste gewesen (geworden) dem, der unter die Räuber gefallen war?“ Die Frage lautet korrekt eben nicht: "Wer ist mein Nächster?“, sondern vielmehr: "Wem mache ich mich zum Nächsten?“ Der Begriff des Nächsten wird gar nicht von meiner "ich“-bezogenen Position aus bestimmt, sondern sie wird von der Situation des andern her definiert. Jesus zwingt den Schriftgelehrten quasi dazu, sich in die Situation des andern zu versetzen und von da den Nächsten zu bestimmen. Nicht der andere ist "mein Nächster“, sondern ich bin dem andern "sein Nächster“.

Diese Beispielgeschichte illustriert das "Gott lieben von ganzem Herzen, ganzem Gemüt und aller Kraft“ und das "sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“. Und wir können hier erkennen, daß diese Umkehrung des religiös so weit verbreiteten Bildes vom Nächsten bereits in dem Ausdruck "wie dich selbst“ in dem Gebot der Nächstenliebe anklingt.

Es geht überhaupt nicht um eine "selbst“-Liebe als Maßstab für die Liebe zum Nächsten, sondern darum, festzulegen, wie man den Nächsten lieben würde, wenn dieser Nächste man selbst wäre.

Zusammenfassung

Wir können aus der relativ kurzen Betrachtung dieser Schriftstellen erkennen, daß das Gebot der Liebe zum Nächsten von wahrlich höchster Bedeutung auch für unser Leben und unser Verhalten als Christen ist. Wir sollten uns nicht verleiten lassen zu meinen, dies sei nur ein Gesetz aus dem Alten Testament, das für uns heute keine Gültigkeit mehr habe. Im Gegenteil, auch für uns ist es das höchste und größte Gebot. Wenn wir danach leben, haben wir in unserem Wandel das Gesetz erfüllt.

Auch sollte uns aus Jesu Gleichnis vom barmherzigen Samariter klar geworden sein, daß nicht "der andere“ etwa durch Abstammung, Gruppenzugehörigkeit, oder irgendeinen Umstand zum "Nächsten“ für uns wird, sondern daß wir uns durch unsere Bereitwilligkeit zu lieben und unsere Hinwendung zu ihm, uns zu seinem Nächsten machen.

Weiterhin sollten wir erkannt haben, daß das "wie dich selbst“ in keiner Weise eine Ermutigung zu einer Selbstliebe und egoistischem Verhalten ist, was letztlich ja doch nur zur Erfüllung von Begierden des Fleisches führen würde, sondern daß dieser Ausdruck umschreibt, was Jesus an anderer Stelle u.a. in der Bergpredigt, mit der "golden Regel“ ausgedrückt hat: "Alles nun, was ihr wollt, daß euch die Leute tun sollen, das tut ihnen auch!“ Mit anderen Worten: "Liebe den Nächsten so, wie wenn dieser Nächste du selbst wärst!“

Möge diese kleine Studie zu einem großen Segen für alle Leser werden. Obwohl ich sicherlich nur einen Bruchteil dessen hier niedergeschrieben habe, was man zu diesem so wichtigen Themenkomplex sagen und schreiben könnte, so bete ich doch, daß dieses "wenige“ durch Gottes Gnade und seine Güte bei jedem Leser zu "reichlich vielem“ in seinem Leben werden möge.

Letzte Änderung:
2013-07-13 21:20
Verfasser:
Wolfgang Schneider

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Chuck Norris has counted to infinity. Twice.