Eines Sinnes -- wie und worüber?


In vielen Gemeinschaften und christlichen Gemeinden wird viel Wert darauf gelegt, dass die Gemeindemitglieder alle "eines Sinnes" sind, und diese "gleiche Gesinnung" wird dann zumeist daran festgemacht, dass die Gläubigen in einer solchen Gemeinde alle die biblischen Schriften in gleicher Weise verstehen und alle dann auch das gleiche glauben. Es wird viel Gewicht darauf gelegt, dass alle das glauben, was gewissermaßen die offizielle Lehre der Gruppe ist, dass niemand in seinem Verständnis von biblischen Aussagen von dem abweicht, was etwa im Glaubensbekenntnis der Gruppe oder Konfessionsgemeinschaft festgelegt ist. Davon abweichen oder anders denken und dann womöglich dies auch noch in der Gemeinschaft unter den Gläubigen zu bekunden, zieht meist sehr schnell disziplinarische Konsequenzen  nach sich. Anschuldigungen von "Zweitracht sähen", "falsche Lehren verbreiten", u.ä. werden schnell laut und die "Abweichler" werden vor die Ältesten gerufen und dazu aufgefordert, ihren "Irrtum" einzusehen und dann - gewöhnlich ohne einige der bisherigen Privilegien, wie etwa die Erlaubnis zum Predigen - sich  wieder in die Herde einzugliedern, oder aber die Gemeinde gänzlich zu verlassen, weil man in der Gemeinde eben "eines Sinnes" bzgl. der Lehre sein müsse.

Ist das nun, worum es in der Bibel an den Stellen über gleiche Gesinnung, einmütig sein, einträchtig sein, usw. tatsächlich geht? Wir wollen kurz einige Stellen anschauen, in denen von der Eintracht bzw Einmütigkeit der Gläubigen in der frühen Gemeinde berichtet wird.

Apostelgeschichte 2,46:
Und sie waren täglich einmütig beieinander im Tempel ...

Apostelgeschichte 4,24:
Als sie das hörten, erhoben sie ihre Stimme einmütig zu Gott und sprachen: ...

Apostelgeschichte 5,12:
Es geschahen aber viele Zeichen und Wunder im Volk durch die Hände der Apostel; und sie waren alle in der Halle Salomos einmütig beieinander.

Römer 15,5 und 6:
Der Gott aber der Geduld und des Trostes gebe euch, daß ihr einträchtig gesinnt seid untereinander, Christus Jesus gemäß,
damit ihr einmütig mit einem Munde Gott lobt, den Vater unseres Herrn Jesus Christus.

Bemerkenswert ist, dass in diesen Stellen nicht direkt und auch nicht im Kontext konkret von der Lehre die Rede ist, in der man absolut übereinstimmen und einer Meinung sein muss.  Es geht eigentlich um ganz andere Anliegen, wie etwa Gott zu loben, bzgl. des gegenseitigen Verhältnisses zueinander einträchtig zu sein, Gott gemeinsam für Sein Wirken im  Leben der Gläubigen in der Gemeinde zu danken, usw.

Man braucht eigentlich nur sachlich logisch zu überlegen, wie die Situation in einer Gemeinschaft mit Gläubigen an Christus ist, so müßte einem sofort einleuchten, dass die Gläubigen gar nicht in der Art und Weise eines Sinnes sein können, wie von Gemeinden und Konfessionsgmeinschaften gewünscht oder bestimmt. Die Gläubigen befinden sich doch alle individuell auf einer anderen Stude in ihrem Wandel mit Gott und ihrem Verständnis biblischer Aussagen.  Einer mag seit vielen Jahren bereits an Christus glauben und sich intensiv mit den biblischen Schriften beschäftigen, ein anderer ist einfach kein "intellektuell" veranlagter oder interessierter Mensch und liest daher in der Bibel ganz anders als etwa der an Sprache und vielleicht sogar den ursprünglichen biblischen Sprachen interessierte Mensch.  Ein anderer in der Gemeinde ist vielleicht erst vor kurzem überhaupt mit der Bibel in Kontakt gekommen und verfügt zur Zeit nur über ein sehr beschränktes eigenes Wissen biblischer Wahrheiten. Es ist schlicht unmöglich, dass "eines Sinnes sein" und "gleiches Verständnis haben" sich darauf bezieht, dass es keine Abweichungen im Verständnis der Schrift geben darf, da es ja derlei Abweichungen aufgrund der natürlichen Gegebenheiten bereits gibt!

Wir sehen aus oben erwähnten Stellen und unter Einbeziehung einiger anderer Aussagen in der Schrift, dass die Gläubigen im Hinblick auf ihre Liebe untereinander, ihre Hilfsbereitschaft füreinander, ihr Verständnis füreinander, ihr Lob Gottes und ihre Dankbarkeit gegenüber dem allmächtigen Gott eines Sinnes sein können und sein sollen. Wie wäre es damit, dem anderen Gläubigen in der Gemeinschaft die Freiheit zu lesen, zu denken, zu überlegen und zu verstehen einzuräumen, die man für sich selbst ja auch gerne hätte?  Mit anderen Worten, einmütig und einträchtig darin zu sein, dass ein jeder eigentverantwortlich vor Gott sich mit Gottes Wort beschäftigen sollte, und dass wir durch Anregungen, Hinweise, Erläuterungen eventuell einander helfen können, ein besseres und genaueres Verständnis einer biblischen Aussage zu erlangen, dass aber andererseits ein jeder sein Verständnis für sich erarbeitet und dann in seiner Meinung gewiss sein darf?

Letzte Änderung:
2013-02-19 13:43
Verfasser:
Wolfgang Schneider

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