Hat Jesus Psalm 22 am Kreuz zitiert?

Wolfgang Schneider

Stand: 2020-03-21 15:45

Im Zusammenhang mit der Aussage Jesus am Kreuz in Matthäus 27,46  ("Eli, eli, lama asabtani") wird manchmal darauf hingewiesen, dass diese Worte von Jesus aus Psalm 22 zitiert wurden.

Ich habe zu dieser STelle in Matthäus 27,46 eine recht ausführliche Studie geschrieben unter dem Titel Eli, Eli, lama asabtani?  In dieser Studie zeige ich anhand relevanter biblischer Aussagen verschiedene Gründe und Aspekte auf,  dass Jesus nicht am Kreuz verlassen worden sein kann.

Hin und wieder wird aber angemerkt, dass doch Jesu Worte ein Zitat aus Psalm 22 seien und folglich, die Übersetzung mit "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?" wohl korrekt sein müßte.

Bzgl. Psa 22 denke ich, dass folgende Überlegungen eigentlich dafür sprechen, dass Jesus diese Stelle am Anfang des Psalms nicht zitiert hat, weil sie für ihn nicht zutraf.

Der Psalm beginnt mit einem Ausruf temporären Zweifels in einer Krise im Leben des Psalmisten, und er klingt, als seien vorhergehende Hilferufe ungehört geblieben, als habe Gott ihn verlassen in jener Notlage.  Im Psalm geht es nun weiter und der Psalmist, anstatt seiner Angst zu erliegen, Gott habe ihn verlassen,  stärkt sich in seinem Vertrauen auf Gott und Seine Treue in der Vergangenheit, indem er sich an die Größe Gottes gegenüber Seinem Volk erinnert; am Ende des Psalms schließlich ist seine Zuversicht wieder sicher und fest, dass Gott ihn erlösen und befreien wird.

Während wir sicherlich zu einer solchen "Glauben / Vertrauen Krise" für uns in unserem Leben Beispiele und eine Verbindung finden können, müssen wir jedoch beachten, dass es derartige Krisen des Zweifelns für Jesus in seiner Beziehung zu Gott, seinem himmlischen Vater, nicht gab. Wir erleben solche Krisen vielleicht in unserem Gebetsleben, wenn wir beten und es geschieht nichts. Das aber gab es in Jesu Leben nicht.

Jesus wusste um seine Aufgabe und darum, dass er sein Leben geben sollte in Übereinstimmung mit Gottes Wille und dass Gott ihn nicht  "irgendwann am Ende der Welt" sondern ganz sicher bald von den Toten zu glorreichem ewigen Leben erwecken würde. Er gab sein Leben als Sündopfer in vollstem Vertrauen, dass er wieder von den Toten auferstehen würde.

Obwohl verschiedene Einzelheiten aus Versen in Psa 22 sich prophetisch auf Ereignisse im Zusammenhang mit Christus und seinem Leiden beziehen, denke ich nicht, dass man den Psalm als Ganzes und in jeder Hinsicht als prophetisch auf Jesus beziehen kann, und gerade die Anfangsverse zwar die Zweifel des Psalmisten in einer großen Krise zeigen, man aber solche Zweifel Jesu nicht zuschreiben kann.

Manche erwähnen dann ähnliche Überlegungen, wenn sie Jesu Worte nicht als Ausdruck seines Zweifel und seiner Verzweiflung verstehen, sondern so, als rede er von dem Verzweifeln eines Menschen, der ohne Gott stirbt.   Das erscheint mir angesichts dessen, was Jesus während seines gesamten öffentlichen Wirkens wiederholt klar und deutlich verkündet hat zu Glauben und Unglauben, jedoch eher nicht so recht zu passen und auch keinen Sinn zu geben.

Ich würded daher sagen, dass Jesus am Kreuz nicht WOrte der Verzweiflung rief, wie in fast allen gängigen Bibelübersetzungen hervorzugehen scheint, sondern dass der Ausruf "Eli, Eli, lama asabtani" dem aramäischen Text entsprechend verstanden werden sollte

Als Jesus in dieser entscheidenden Stunde am Kreuz hing, brachte er diese Worte aus der Tiefe seiner Seele hervor: Eli, Eli, lmana schabaktani! Man könnte diese Worte übersetzen mit: "Mein Gott, mein Gott [Eli, Eli], für diesen Zweck [lmana] hast Du mich aufgespart [schabaktani]!" "Mein Gott, mein Gott, für diesen Zweck wurde ich aufgespart bzw. geschont (aufbewahrt)."

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