Kann Gott in Versuchung führen?


Mat 6,13 – " und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen."

Jak 1,13 – "Niemand sage, wenn er versucht wird, daß er von Gott versucht werde. Denn Gott kann nicht versucht werden zum Bösen, und er selbst versucht niemand."

Unter Christen wird auch heute manchmal gelehrt, daß Gott Menschen versucht, sie in Versuchung führt, ähnlich wie das sonst eigentlich nur dem Teufel zugesprochen wird. Andererseits gibt es Schriftstellen, die ganz eindeutig darauf hinweisen, daß Gott den Menschen nicht zum Bösen, zur Sünde, versucht. Wie löst sich dieser scheinbare Widerspruch?

Zunächst sollte man beachten, daß die weitaus meisten Stellen in der Schrift, an denen von "Versuchung" gesprochen wird, eindeutig festhalten, daß nicht Gott der Urheber einer Versuchung ist, sondern die Versuchung zum Bösen einen anderen Ursprung hat. "Versuchung" ist in diesen Fällen immer eine Sache, mittels der Menschen von Gott und Gottes Wort getrennt werden sollen. Versuchung ist das, was Menschen zum Ungehorsam gegenüber Gott bewegt. Gott würde selbstverständlich niemanden dazu bringen wollen, Ihm gegenüber ungehorsam zu sein! Daher läßt sich sagen, daß die Aussage in Jak 1,13 den Sachverhalt und die Wahrheit sehr genau und in klaren Worten ausdrücken. Es gilt daher, die scheinbar widersprüchliche Aussage in Mat 6,13 (wie dann auch andere Stellen, die zu sagen scheinen, daß Gott doch andere versucht) zu erarbeiten, um zu sehen, ob es eine andere Möglichkeit des Verständnisses gibt, wie man die Aussage so verstehen kann, daß kein Widerspruch existiert.

Allgemein muß man beachten, daß augenscheinliche Widersprüche in der Bibel immer entweder auf falschem Verständnis unsererseits oder auf falscher Übersetzung aus dem Urtext beruhen. Wie läßt sich das Problem mit Mat 6,13 nun lösen?

Die Bedeutung des Begriffs "Versuchung, versuchen" muß richtig verstanden werden. Es gibt Stellen, wo "versuchen" nicht im Sinne von "zum Bösen versuchen" benutzt wird, sondern ein Prüfen, Testen, Probieren bezeichnet. In solchem positiven Sinne kann auch Gott jemanden testen, auf die Probe stellen, usw. Er wird nur niemanden je im negativen Sinne versuchen, wie es der Teufel tut. Wie die Fortsetzung von Mat 6,13 zeigt, ist hier aber von einer Versuchung zum Bösen die Rede, denn die parallele Bitte zu "führe uns nicht in Versuchung" ist "erlöse uns von dem Bösen"

Die Lösung liegt daher in einer anderen Sache. Wenn etwas im Wort Gottes nicht wörtlich zutrifft, als nicht tatsächlich de facto stimmt, liegt eine Redefigur im Text vor, die es unbedingt zu beachten gilt, wenn man eine Stelle richtig verstehen und auslegen will. Wie Jak 1,13 feststellt, versucht Gott niemanden. Daher muß in Mat 6,13 eine Redefigur vorliegen, denn Gott kann uns - im buchstäblichen bzw. wörtlichen Sinne - ja gar nicht in Versuchung führen. An dieser Stelle handelt es sich um die Redefigur Metonymie und außerdem einen idiomatischen Ausdruck, ein Idiom, bei dem zwar Gott der aktiv Versuchende zu sein scheint, es aber eigentlich dennoch nicht ist. Der eigentliche Sinn ist vielmehr: "und laß nicht zu, daß wir in Versuchung geführt werden" bzw. "bewahre uns davor, in Versuchung geführt zu werden."

Gott ist niemals der Versucher. Er ist es nicht, der uns in die Versuchung hineinführen würde; er kann uns vielmehr helfen, Versuchungen zu entfliehen, und Er kann uns vor Versuchungen bewahren. Jesus machte dies in diesem Gebetsbeispiel deutlich, als er den Ausdruck "und führe uns nicht in Versuchung" in sein Gebet mit einschloß. Gott macht einen Weg, Er stellt uns Möglichkeiten bereit, Versuchungen zu vermeiden bzw. in ihnen zu bestehen und sie zu überwinden, wenn wir uns im Gebet an Ihn wenden.

Letzte Änderung:
2012-01-21 10:55
Verfasser:
Wolfgang Schneider

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